
„Bist du schon bei Sinnen?“ in Evelynes Währinger Wohnzimmer
www.evelynes.world
Wagen wir etwas Neues kann die Angst und Aufregung davor, viel größer sein, als das unmittelbare Ereignis selbst. Denken wir an einen ersten Arbeitstag in einem neuen Job. Wir begegnen unbekannten Menschen, befinden uns in ungewohnter Umgebung und kennen die Anforderungen noch nicht. Es braucht diesen ersten mutigen Schritt ins Ungewisse, damit sich neue Räume in uns öffnen können.
Viktor Frankl schreibt: „Zwischen Reiz und Reaktion liegt ein Raum. In diesem Raum liegt unsere Macht, unsere Reaktion zu wählen. In unserer Reaktion liegen unser Wachstum und unsere Freiheit“.
Auf die Situation mit meinem Sachbuch-Projekt umgelegt, bedeutet es: der Raum zwischen Reiz und Reaktion wird von den Automatismen meiner negativen Glaubenssätze gesteuert. Da ist die Stimme der inneren Kritikerin, die mir ständig ins Ohr flüstert: „Wen glaubst du interessiert das, was du schreibst? Nimm dich nicht so wichtig! Du hast kein Talent für knackige und humorvolle Texte.“
Wann ist ein Text fertig und gut genug, um vorgelesen zu werden? Wann fühlt sich ein Kapitel geschmeidig an und funktioniert auch beim lauten Vorlesen?
Vermutlich kennt jeder von euch die inneren Saboteur:innen, namens Trau-mich-Nicht oder Kann-ich-Nicht, die nicht nur beim Schreiben, sondern auch sonst sehr gern vorbeikommen und uns einreden wollen, was wir alles nicht können oder lieber bleiben lassen sollten.
Ich wollte meiner Schreib-Scham nicht noch mehr Raum geben und irgendwann gingen mir meine Selbstzweifel so sehr auf die Nerven, dass ich beschloss, meine Angst vor dem Vorlesen, näher unter die Lupe nehmen zu wollen. Evelyne war die gute Fee, die mir half zu begreifen, dass mein Buch, ein geistiges Pflänzchen ist, das ans Licht der Welt kommen möchte. Und überhaupt müsse es ausreichend gegossen werden und das Vorlesen müsse geübt werden. Und so kam es, dass Evelyne und ich nicht nur an der Visualisierung der Lesung arbeiteten, sondern sie auch tatsächlich am 12. September stattfinden konnte.
Meine selbst verfassten Texte vor Publikum vorzutragen war eine Mutprobe für mich. Zwanzig Personen aus den unterschiedlichsten Abschnitten meines Lebens waren gekommen und der Raum war bummvoll bis auf den letzten Sessel. Alle waren da, um mir, einer „Schreib-Teenagerin“ (ich schreibe ja erst seit 14 Jahren), zu zuhören. Mit einer seltsamen Mischung aus aufgeregter Vorfreude und Angst vor meiner eigenen Schneid, war ich bereits früh angereist, was für mich, als Zeit-Dehnerin, sehr untypisch ist.
Wie erwartet, war meine Nervosität davor viel größer, als währenddessen. Im Lese-Raum war es mucksmäuschenstill und ich sah lauter wohlwollende und aufmerksame Gesichter vor mir. Die innige Atmosphäre beim Lesen entsprach genau der Stimmung von Wohlfühlräumen, die ich mir beim Schreiben vorgestellt hatte. Ich spürte, dass durch das Zusammensein in dieser kleinen Runde, eng beieinandersitzend, eine Vertrautheit entstanden war, durch die meine Worte bei den Zuhörer:innen ankommen konnten. Die Feedback-Kärtchen wurden gern ausgefüllt, brachten mir eine Idee für ein neues Titelbild und bekräftigten mein Weiter-Schreiben. Ich freue mich schon sehr auf den Tag, an dem ich bei einer Lesung mein fertig gedrucktes Buch in den Händen halten werde.
